Mehr als Naturschutz

Mehr als Naturschutz
Ökologie und Umweltbewegung in Ostdeutschland 89/90+

Mittwoch, 22. Mai 2019, 18 Uhr
und
Freitag, 24. Mai 2019, 18 Uhr

Der Eintritt ist für beide Veranstaltungen frei. Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Ort
| Lounge (Eingang via Ausstellungshalle)


Umweltgruppen waren wichtiger Teil des demokratischen Aufbruchs in der späten DDR und beschäftigten sich mit weit mehr als Naturschutz: Umweltaktivist*innen gingen davon aus, dass die ökologische Frage gleichzeitig eine ökonomische und gesellschaftliche Schlüsselfrage ist. Dieser ganzheitliche Ansatz ist heute noch – und wieder – von großer Aktualität: In Zeiten von Ressourcenknappheit und Klimawandel ist die ökologische Frage erneut auch eine soziale.

Ende der 1980er agierten in der DDR mehr als 60 Umweltgruppen, viele davon unter dem Dach der Kirche. Zentral stand dabei der Protest gegen die 1982 von der Regierung beschlossene Geheimhaltung von Umweltdaten. Die Nicht-Informationspolitik der Regierung stärkte so ungewollt das Protestpotenzial und die Rolle von Untergrund-Publikationen (wie z.B. der Samisdat-Zeitschrift »umwelt-blätter«) wie auch der West-Medien. So entwickelte sich im Kontext der Umweltbewegung eine kritische Gegen-Öffentlichkeit – in Hinblick auf die direkte Bedrohung durch gravierende ökologische Missstände wie auch auf übergreifende Forderungen nach Transparenz und demokratischer Teilhabe.

»Von unten«, an den Wurzeln der Zivilgesellschaft, setzten ostdeutsche Bürger*innen und Aktivist*innen wichtige Impulse für den Umweltschutz im Kleinen wie im Großen. Können sie auch heute wieder Vorbild sein? Wie organisierten sie sich und welche Rolle spielte der Austausch mit dem »Westen« – z.B. in Form von geschmuggelten Videoaufnahmen, die via Westfernsehen zur Aufklärung von DDR-Bürger*innen beitrugen?

Jenseits des bloßen »Nachbau West« gilt Ostdeutschland heute für einige als Vorreiter für innovative Umweltschutzprogramme und -technologien. Gab und gibt es Impulse, die »gesamtdeutsch« und zukunftsweisend wirken können? Forscher*innen – aktuell z.B. in den U.S.A. – befürchten auch heute Tendenzen der Verschleierung von Klima- und Umweltproblemen. Welche Rolle kann die Zivilgesellschaft spielen?

In zwei Veranstaltungen – einer öffentlichen Gesprächsrunde und einem biografischen Erzählsalon – wird das Thema Ökologie und Umweltschutz in Ostdeutschland diskutiert und auf seine Aktualität hin überprüft. Im Sinne eines »Forums« sind alle Interessierten herzlich eingeladen teilzunehmen, zuzuhören, Fragen zu stellen und selbst beizutragen.

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+ Mittwoch, 22. Mai 2019, 18 Uhr
Mehr als Naturschutz
Ökologie und Umweltbewegung in Ostdeutschland 89/90+

Open Talk mit

Manfred Butzmann | Grafiker & »Ein-Mann-Bürgerbewegung« 89/90+
wurde 1942 in Potsdam als Sohn eines Gärtners geboren und studierte später Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Als freier Grafiker, Buchillustrator und Einbandgestalter entstand ein vielseitiges Werk, darunter zahlreiche Plakate und Radierungen. Seit den 1970er Jahren war er in selbstorganisierten Bürgerinitiativen aktiv und sprach mit seinen künstlerischen Aktionen und Interventionen Humor und Gewissen der Bürger*innen gleichermaßen an. Butzmann betreibt mit seiner Kunst – insbesondere der kritischen Plakatkunst – bis heute »Heimatkunde«, die sich durch einen mikroskopischen Blick mit seinem unmittelbaren Lebensumfeld beschäftigt, aber gleichzeitig auf übergreifende gesellschaftliche und ökologische Missstände verweist.

Peter Wensierski | Schriftsteller, Journalist & Dokumentarfilmer in Ost und West
Jahrgang 1954, berichtete er ab 1978 als West-Journalist aus der DDR. Er dokumentierte die aufkommende Oppositionsbewegung in der DDR in zahlreichen Büchern, Radiosendungen und Dokumentarfilmen, die über das Westfernsehen in die DDR zurückwirkten und zur Bildung einer Gegenöffentlichkeit beitrugen. Auch nach dem 1985 von der DDR-Regierung verhängten Einreiseverbot arbeitete er in Kooperation mit ostdeutschen Oppositionellen an Beiträgen aus heimlich gedrehtem Videomaterial, die z.B. auf die massive Umweltverschmutzung aufmerksam machten. Von 1986 an war er Redakteur des ARD-Magazins KONTRASTE, 1993 wechselte er ins Deutschland-Ressort des SPIEGEL. Weitere Buchpublikationen folgten, u.a. die Bestseller »Schläge im Namen des Herrn« über ehemalige Heimkinder und »Die verbotene Reise«. Zuletzt erschienen »Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution« über eine Gruppe junger Leipziger 1989, »Berlin – Stadt der Revolte« und »Fenster zur Freiheit – Die radix-blätter. Untergrundverlag und -druckerei der DDR-Opposition«.

Rüdiger Rosenthal | Autor & Umweltaktivist 89/90+
Rüdiger Rosenthal ist auch Gesprächspartner beim Biografischen Abendsalon am Folgetermin. Seine Biografie lesen Sie untenstehend.

Moderation | Sophie Schulz

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+ Freitag, 24. Mai 2019, 18 Uhr
Mehr als Naturschutz
Ökologie und Umweltbewegung in Ostdeutschland 89/90+

Biografischer Abendsalon mit

Rüdiger Rosenthal | Autor & Umweltaktivist 89/90+
geboren 1952 in Boizenburg/Elbe, begann er nach einem Physikstudium 1970 mit literarischer Arbeit. Nach seinem Umzug nach Ost-Berlin 1974 arbeitete er u.a. als Entwickler und Ingenieur im Oberschöneweider Werk für Fernsehelektronik und ab 1980 als freiberuflicher Autor in Ost-Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Aufgrund von politischen Repressionen wie z.B. einem Publikationsverbot veröffentlichte er zahlreiche Texte unter Pseudonymen in westdeutschen Medien und emigrierte 1987 schließlich nach West-Berlin. Dort arbeitete er als Journalist für »Radio Glasnost« sowie bei Tageszeitungen wie z.B. der taz. 1990 kehrte er nach Ost-Berlin zurück und war neben seiner journalistischen Tätigkeit Sprecher von Parteien – insbesondere ab 1990 der gerade gegründeten »Grünen Partei der DDR« – und Umweltverbänden.
Als wichtiger Teil der DDR-Opposition arbeitete er mit zahlreichen politischen Akteur*innen und Autor*innen in Ost und West wie z.B. Robert Havemann, Roland Jahn, Bärbel Bohley oder Jürgen Fuchs zusammen und publizierte umfassend, so z.B. 1984 »Polnische Reise« (illegale Publikation mit Radierungen von Cornelia Schleime), 1990 »Robert Havemann. Die Stimme des Gewissens - Texte eines deutschen Antistalinisten« oder 2005 »Mut. Frauen in der DDR« (Herausgeber).

Moderation | Sophie Schulz


Das Format Erzählsalon rückt die individuelle Lebensgeschichte und persönliche Perspektiven in den Fokus. Auch das Publikum ist eingeladen, eigene Geschichten und Erfahrungen zu teilen.

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Die Veranstaltung ist Teil der Reihe forum 89/90+, die sich mit den innovativen und emanzipatorischen Potenzialen der Umbruchszeit in Ostdeutschland 89/90+ beschäftigt. | Zum Gesamtprogramm >>

Informationen

Wann von 22. Mai bis 24. Mai 2019
Wo Ausstellungshalle – Lounge
Adresse & Anfahrt